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„Bummel´doch nicht so.” Gastbeitrag von Karolin Rögner

„Bummel´doch nicht so.” Gastbeitrag von Karolin Rögner

Heute findet das Leben oft auf der Überholspur statt: Alles soll und muss immer rascher passieren, damit nur ja keine Zeit mit unnützen Handlungen verschwendet werden muss. Fast überall gibt es Schnell-Restaurants, die uns Fast-Food „auf die Hand“ anbieten; viele Aktivitäten, wie z.B. das Schreiben von E-Mails, Überweisungen via Online-Banking oder Einkäufe per Online-Shopping, können wir mittlerweile unterwegs durch mobiles High-Speed-Internet erledigen; und wer Multi-Tasking beherrscht, wird als besonders flexibel und leistungsstark angesehen.

Mit der Unmenge an gesparter Zeit müsste unser Alltagdoch so leicht und unbeschwert sein. Tatsächlich aber häufen sich Diagnosen im Zusammenhang mit Magenbeschwerden, Verspannungen, Burn-Out oder der so genannten „Manager-Krankheit“. Eine Entwicklung, die leider auch vor unseren Kindern nicht Halt macht: Seit den 1990 nehmen psychische bzw. psychosomatische Beschwerden, wie z.B. Kopf- und Bauchschmerzen, Gefühle von Stress und Überforderung immer mehr zu. Befindensstörungen und Erkrankungen, die früher für Erwachsene „typisch“ waren. Noch dazu führt der emotionale Druck, der unseren Kindern heute zum Teil zugemutet wird, dazu, dass sie „frühreif“ und „pseudo-erwachsen“ sein müssen und die Übergänge von der Kindheit zur Jugend beschleunigt werden. (Vgl. Kränzl-Nagl/Mierendorff 2007, S. 18-19)

 

HÖHER, SCHNELLER, WEITER —
WAS HÄNSCHEN NICHT LERNT

Nach wie vor, werden „Bildungskarrieren“ von der sozialen Herkunft bestimmt. Um diese soziale Ungleichheit abzubauen, so wird argumentiert, müssten schon früh professionelle Lern-Programme das Spielen in Kindergruppen ablösen. Unsere Kinder werden sehr oft als eine „Zukunftsressource“ und als „Humankapital“ betrachtet, in das frühzeitig investiert werden muss. (Vgl. Kränzl-Nagl/Mierendorff 2007, S. 16) Und so gehören nicht selten Haltungsturnen, Wahrnehmungs- und Konzentrationsförderung, Schwimm- und Ballettkurse, der Besuch des Sportvereins, die musikalische Früherziehung und die bilinguale Spiel-Stunde zum wöchentlichen Pensum, das Kinder neben Kindergarten und Schule bewältigen müssen. Das freie, unbeschwerte Spielen gerät zunehmend in den Hintergrund.

Damit werden „Kinderleben immer mehr zerrissen, die Kinderzeiten in zunehmendem Maße zerteilt und die Kinderwelten immer stärker eingeengt sind. Zwar mag es auf den ersten Blick so wirken, als hätten es Kinder in der heutigen Generation leichter bzw. besser, weil sie mehr Spielmittel, größere Bildungschancen, bessere, gezieltere Förderungsmöglichkeiten oder weitaus vielschichtigere Kommunikationswege als Kinder in früheren Jahren nutzen können. Ein genaueres Betrachten macht aber deutlich, dass es vor Allem um eines geht: Kinder müssen ständig Erfahrungsverluste hinnehmen.” (Krenz 2008, S. 47)

“Kinder sind wie Uhren: Sie dürfen nicht ständig aufgezogen werden,
man muss sie auch mal gehen lassen.” (Jean Paul)

 

ZEITVERSTÄNDNIS VON KINDERN

Es war in erster Linie der bekannte Entwicklungspsychologe Jean Piaget, der mit Hilfe von Beobachtungen und Experimenten herausfand, wie und in welchen Schritten unsere Kinder eine Vorstellung über die Zeit entwickeln: Vom Säuglingsalter bis ins dritte Lebensjahr haben sielediglich eine allererste Ahnung von Zeitabfolgen; so können sie z.B. sinnvolle Reihen von Vorgängen und Zeitschemata bilden, jedoch sind Vorstellungen über Zeitdauer noch nicht entwickelt. (Vgl. Schnabel 2010) Und so ist für unseren Räuberjungen mit seinen fast drei Jahren alles, was vergangen ist, „gestern“ oder „vorhin“.

Kleinkinder lieben die Wiederholung, denn sie sind mit der Wiederholung geradezu verwurzelt. Als Embryo hören sie den regelmäßigen Herzschlag der Mutter und spüren die sanften Schaukelbewegungen; später erleben sie den Wechsel von Tag und Nacht, die Jahreszeiten oder auch Zu-Bett-Geh-Rituale als wiederkehrende Rhythmen. — Zeit als Kreis oder als Spirale, als Wiederholung ist eine beruhigende und heilsame Vorstellung. Denn so läuft die Zeit nicht davon, sondern sie kommt wieder und bietet neue Möglichkeiten. (Ebd.)

Im Alter von drei bis sieben Jahren sind Aussagen von Kindern über Zeit mit der direkten Anschauung verbunden. Im Rahmen dieser Phase sind Kinder daher z.B. der Meinung, ein großer Stein muss auch älter sein als ein kleiner. Erwachsene bedienen sich dieses anschaulichen Zeitbegriffs, indem sie Kindern erklären: „Wenn der große Zeiger auf der Sechs steht, gibt es Abendbrot.“Differenzierte Untersuchungen konnten jedoch deutlich machen, dass selbst Kinder, die die Uhr lesen können, noch keine Vorstellung davon haben, was eine Minute oder eine Stunde darstellt. Im Grundschulalter bildet sich langsam das Bewusstsein heraus, dass Zeit an allen Orten die gleiche Gültigkeit besitzt und sich eine Zeitdauer aus bestimmten Zeitintervallen zusammensetzt. Mit etwa neun Jahren können Kinder schließlich die Dauer von Handlungen genauer abschätzen und vorhersagen, wie viel Zeit eine Handlung beanspruchen wird. (Ebd.)

 

ZEIT NEHMEN UND SCHENKEN

Wir Erwachsenen erledigen oft so viel und hetzten förmlich von einem „Tagesordnungspunkt“ zum nächsten. Jetzt noch schnell einkaufen, dann noch fix die Sachen aus der Reinigung holen, nochmal kurz an der Apotheke halten und abends, wenn die Kinder schlafen, noch die Steuererklärung erledigen. Und trotzdem haben wir so häufig das Gefühl, dass uns die Zeit davon läuft, dass wir zu nichts kommen und das Leben an uns vorbei läuft. Und nicht selten übertragen wir unseren inneren Zeitdruck auf unsere Kinder: „Los, beeil’ dich doch mal.“ oder „Bummel’ doch nicht so.“ oder „Wenn du jetzt nicht kommst, dann …“

„Zeit schafft Räume für Wahrnehmungstiefen, in denen Kinder nicht oberflächlich auf Dinge sehen, sondern intensiv einen Gegenstand oder eine Tätigkeit begreifen können.“(Krenz 2011, S. 88) Wenn Kinderzeiten jedoch eher dem minutiös getakteten Termin-Planer eines Erwachsenen ähneln, wenn ein Tagesablauf nur nach Stunden bemessen und mit Angeboten und „Animation“ gefüllt wird, wenn das Schnelle und Hektische im Alltag dominiert, werden viele Tätigkeiten lediglich „angerissen“ und es entsteht der Eindruck, es wäre nicht wichtig, es würde sich nicht lohnen, sich Zeit zu nehmen und zu lassen und eine Handlung in Ruhe zu Ende zu führen. Umgekehrt erwarten Lehrer, Erzieher und wir als Eltern aber, dass Kinder Konzentrationsfähigkeit besitzen und sich für bestimmte Zeitspannen auf vorgegebene oder selbst gewählte Tätigkeiten einlassen.(Ebd.)

“Entwicklung braucht Zeit, und Langsamkeit ist der Ausdruck
einer sich vollziehenden Entwicklung.” (Armin Krenz)

Wie ich oben beschrieben habe, leben unsere Kinder in ihrer ganz eigenen Zeit. Ihre Uhren laufen einfach langsamer. Für sie ist das Gestern so fern und das Morgen noch so weit weg; es gibt nur das Hier und Jetzt, diesen einen Augenblick. Unsere Kinder zu „ermahnen“, sich zu sputen, ist daher im Grunde völlig wirkungslos und auch nicht zielführend. Und eigentlich bringt es auch nicht all zu viel, unsere Kinder auf Morgen zu vertrösten, z.B. „Jetzt können wir kein Eis essen, aber morgen …“ Denn sie verstehen gar nicht, was Zukunft ist und was es bedeutet, einen Wunsch aufzuschieben. (Das heißt natürlich nicht, dass wir unseren Kindern alle Wünsche sofort erfüllen müssen oder sollen, sondern eben nur, dass das Vertrösten unserer Kinder im Sinne einer Ablenkung nicht hilfreich ist. Stattdessen können wir die Gefühle unserer Kinder spiegeln und unser ehrliches Mitgefühl ausdrücken, dass wir es jetzt auch schade finden, dass wir kein Eis essen können.)

Geben wir unseren Kindern die Zeit, die sie brauchen. Lassen wir uns von ihnen an die Hand nehmen und uns ihre Welt zeigen. Hier ein kleiner Regenwurm, dort ein Flugzeug am Himmel; hier die große Baustelle und dort das verlassene Schneckenhaus. Das Leben ist voller Wunder für alle die, die sie sehen. Mit Husch-Husch und Zacki-Zacki verlieren wir all das Schöne, das unsere Kinder so begeistert, aus den Augen. Ja, wir verlieren unsere Kinder aus den Augen und vergessen, was wirklich zählt. Aber wenn wir mit unseren Herzen wirklich da sind, in diesem einen Moment, dann kann eine Sekunde unvergessen und für immer bleiben.

 

LITERATUR

Krenz, Armin (2008): Der “Situationsorientierte Ansatz” in der Kita. Grundlagen und Praxishilfen zur kindorientierten Arbeit. Troisdorf: Bildungsverlag EINS.

Krenz, Armin (2011): Was Kinder brauchen. Aktive Entwicklungsbegleitung im Kindergarten. Berlin: Cornelsen Verlag Scriptor.

Kränzl-Nagl, Renate/Mierendorff, Johanna (2007): Kindheit im Wandel. Annäherung an ein komplexes Phänomen. In: SWS-Rund-schau, Jg. 47, Heft 1/2007. S. 3-25.

Schnabel, Michael (2010): Die Vielfalt kindlichen Zeiterlebens. Abrufbar unter: http://liga-kind.de/fk-510-schnabel/; Zugriff am: 27. Dezember 2017

Karolin Rögner

KLEINE GURKE | Bedürfnisorientiert leben mit Kindern
www.kleinegurke.com

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Über die Autorin

Marga Bielesch